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Thema: Kurzgeschichten von Nerys  (Gelesen 1162 mal)

Nerys

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Kurzgeschichten von Nerys
« am: September 16, 2014, 04:02:48 Nachmittag »
Ich dachte, ich mach mal einen Thread für Non-ST-Texte von mir auf. Bevor ich wieder bei ST und bei euch hier gelandet bin, habe ich viele kürzere Sachen zu verschiedenen Themen geschrieben und zumeist bei FF.de gepostet.

Den Anfang macht der folgende kleine Text, den ich bei FF.de bei den eigenen Kreationen gepostet habe. Es ist eigentlich nicht mal eine richtige Geschichte, keine Ahnung wie es zu bezeichnen ist. Zeitweise und vor allem bei kurzen Sachen liebe ich die Ich-Perspektive sehr, weil man sich da so schön nahe an die Figur herantasten kann.

Fußstapfen im Schnee

Ein neues Jahr beginnt. Ein neuer Anfang, sagt man, doch für mich ist es ein Ende. All das, wofür ich die letzten zehn Jahre lang gelebt habe, soll nun vorbei sein? Einfach so. Dieser Gedanke erscheint mir so irreal, aber es ist die Wahrheit. Die kalte erbarmungslose Wahrheit. Er ist gegangen, weil er mich nicht mehr liebt. So sagt er. Ich habe Angst vor dem, was nun kommt. Vor der Veränderung, vor dem Alleinsein. Heute Morgen bin ich erwacht und dachte für einen Moment er würde neben mir liegen. Doch das Bett ist jetzt immer leer. Ich meide das Schlafzimmer, das einst so voller Wärme und Liebe war. Nun ist es trist und einsam. Meist übernachte ich auf dem Sofa, viel Schlaf finde ich ohnehin nicht.
Die Tage sind nicht nur draußen kalt, sondern auch in mir. Wie lange ist es her, dass er mich zum Lachen brachte? Dass ich Geborgenheit in seinen Armen fand. Viel zu lange, obwohl es erst gestern gewesen zu sein scheint. Ich schaudere unwillkürlich, meine Finger sind klamm und zittern ein wenig. Dieses leere Haus um mich herum droht mich zu erdrücken. Ich werde noch verrückt! Wie ein Tier im Käfig streife ich durch die dunklen Räume. Draußen steht eine schmale Mondsichel am Himmel zwischen mächtigen Wolken. Schneeflocken tanzen lautlos auf die kalte Erde zu.
Ich stoße die Glastür auf, die aus dem Wohnzimmer hinaus auf die Terrasse führt. Eine dünne Schneeschicht überzieht bereits den Boden unter meinen Füßen. Langsam trete ich ins Freie und gehe über die Wiese. Der frostige Wind lässt meine Ohren und meine Nasenspitze bald schmerzen. Und wenn schon. Ich schlinge die Arme um meinen zitternden Körper und setze weiterhin Fuß vor Fuß. Am Ufer des gefrorenen Zierteichs lasse ich mich ins verschneite Gras sinken. Die Kälte kriecht immer tiefer in mich hinein. Vielleicht, wenn ich lange genug ausharre, lässt sie mein Herz ganz erfrieren. Ein Eisklumpen soll es werden und kein Herz mehr, dann wird all das Leid in mir endlich schweigen.

Unaufhörlich fallen die dichten Schneeflocken herab. Sie umschmeicheln den reglosen Körper, decken ihn sanft zu, sie betten ihn zur Ruh. Die Fußspuren, die durch den verschneiten Garten führen, hören auf zu sein. Als am Morgen die Sonne einen klaren Himmel erhellt, deutet nichts mehr darauf hin, dass erst vor ein paar Stunden ein Mensch über die weiße Wiese geschritten ist. Am Ufer des Teichs lässt sich eine engelsgleiche Silhouette erahnen, eingehüllt vom Schnee. Das Sonnenlicht streut seinen Glanz auf das alles bedeckende Weiß. Es ist still, bis auf das Seufzen des Windes. Nichts regt sich. Die Welt scheint erfroren und gestorben zu sein.
Dann durchbrechen Schritte kleiner Füße die Stille. Eine Gestalt läuft durch den Garten, scheucht eine Amsel auf, die rasch unter einem Busch Deckung sucht. Das Kind bemerkt den neuen Hügel am Teichufer, den es nicht kennt. Neugierig stapft es hinüber, kniet sich in die Wiese. Seine junge freie Phantasie zeigt ihm das weiße Gesicht eines Engels im Schnee. Das Kind streckt seine kleine in einem Fäustling steckende Hand aus, dann begreift es jäh, dass dieser Engel wirklich ist. Es schließt seine Arme vorsichtig um den kalten Körper, während Tränen auf den vom Wind geröteten Bäckchen zu Eis gefrieren.
« Letzte Änderung: August 16, 2018, 05:17:13 Nachmittag von Emony »

Oriane

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Antw:Misc Shorties von Nerys
« Antwort #1 am: September 16, 2014, 08:28:42 Nachmittag »
Oje, ist das traurig!

Allerdings wirklich gut geschrieben. Auch, dass du zwischendurch die Perspektive wechselst gefällt mir. Passt zur Geschichte, schließlich sieht es für mich so aus, als sei die Frau gestorben (oder der Mann, keine Ahnung...ich dachte aber eher an eine Frau).
 
Ich denke, ich würde den Text am ehesten als Kurzgeschichte einordnen, sehr kurze Kurzgeschichte eben, aber die entscheidenden Kriterien stimmen.  :)

Gabi

Antw:Misc Shorties von Nerys
« Antwort #2 am: September 17, 2014, 09:45:37 Nachmittag »
Das liest sich schön, allerdings nur, wenn man gut drauf ist. So eine Momentaufnahme hätte ich nicht in meiner Deprimiert-Phase lesen dürfen.
Warst Du da selbst unglücklich? Oder entspringt die Erzählung Deinem wohldokumentierten Hang zu düsteren Geschichten? ;)

Nerys

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Antw:Misc Shorties von Nerys
« Antwort #3 am: September 18, 2014, 08:33:49 Vormittag »
Danke eu h :)

@ Oriane: es ist eine Frau.

@ Gabi: Beides irgendwie. Ausnahmsweise musste ich tatsächlich ein paar Dämonen verscheuchen,

Nerys

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Antw:Misc Shorties von Nerys
« Antwort #4 am: Oktober 12, 2014, 02:39:29 Nachmittag »
Da ich den Song gerade bei "Was hört ihr gerade" verlinkt hatte, poste ich glatt auch mal den Oneshot, den ich mal dazu geschrieben habe. Das Lied kann ganz schön inspirierend sein. Song "Margherita" in deutscher Übersetzung by Maya Hakvoort.

Kartenhaus

Es war still in der Wohnung, abgesehen von der leisen Musik aus dem Radio, was sich nun gleich ändern würde, wenn endlich das Klicken des Schlüssels im Schloss ihre Ankunft ankündigte, die ich bereits sehnsüchtig erwartete. Wir hatten uns schon fast eine Woche lang nicht mehr gesehen und sie fehlte mir in jeder Minute. Bevor ich ihr begegnet war, hatte ich nicht gewusst, dass man einen Menschen so sehr brauchen konnte, wie die Luft zum Atmen. Einmal hatte jemand zu mir gesagt, diese besondere, tiefe, selbstlose Liebe ginge über das Geschlecht hinaus. Es stimmte, denn sie war mein Gegenstück. Ich fühlte es und ich sehnte mich danach das nicht mehr verbergen zu müssen. Unsere Fans würden sicher nicht verstehen, wie gerade wir beide, die wir ihrer Meinung nach eher spinnefeind sein mussten, einander lieben konnten. Aber so war es, und ich wollte offen zu ihr stehen, anstatt von heimlichen Küssen der Welt da draußen zeigen, was ich für sie empfand.
Mit einem Lächeln stellte ich eine Kerze inmitten des hübsch gedeckten Tisches. Aus der Küche zog der Duft von Knoblauchshrimps durch die Wohnung. Für ein kleines romantisches Essen war es nie zu spät, dafür hatten wir beide ohnehin viel zu selten die Gelegenheit, weil wir abends auf der Bühne standen. Wie ich sie kannte, hatte sie vor der Vorstellung nichts zu sich genommen. Da endlich vernahm ich das Geräusch, dessen ich geharrt hatte. Das Schloss klickte und die Tür wurde geöffnet. Beiläufig warf ich auf dem Weg durch den Flur einen Blick in den dort hängenden Spiegel. Meine Wangen waren gerötet und ein erwartungsvolles Lächeln umspielte meine Lippen. Um den Hals trug ich die Kette, die sie mir geschenkt hatte, das chinesische Drachenzeichen aus filigranem Silber. Wie gemacht für meinen Schwanenhals, hatte sie zärtlich gesagt, als sie es mir vorsichtig umgelegt hatte.

„Hallo, mein Schatz“, begrüßte ich sie. „Du kommst spät heute.“ Ich wollte sie küssen, wie ich es schon oft getan hatte, doch sie wich mir aus. Ihr Gesichtsausdruck war ernst, ihre jadegrünen Augen, die ich so liebte, blickten mich distanziert an. Irritiert hielt ich inne.
„Es tut mir leid…“, sagte sie leise. „Ich muss mit dir reden.“
Ich folgte ihr verwundert, merkte wie sich ihr Körper für einen Augenblick versteifte, als sie den gedeckten Tisch sah. Das Kerzenlicht tauchte ihr Gesicht in ein schattenhaftes Flackern, ehe sie die Hand nach dem Lichtschalter ausstreckte. Die jähe Helligkeit wirkte kalt und hart.

Wie im Nebel hör’ ich dich sagen
Du willst alles das aufgeben
Du willst alles mir verjagen
Was ich lieb’ in diesem Leben


Ihre Worte klangen so seltsam fremd, wie aus weiter Ferne. Sie wirkten irreal in meinen Ohren, ich weigerte mich zu glauben was ich da hörte. Träumte ich? Ich hoffte es so, aber ich wachte einfach nicht auf. Jedes ihrer Worte war ein Faustschlag, und eine solche körperliche Pein hätte ich noch vorgezogen.
„Die Zeit mit dir war aufregend und schön, aber auf Dauer kann ich so nicht leben“, sagte sie mit einem kühlen Unterton in der Stimme.
Ich begann plötzlich unkontrolliert zu zittern, hatte das Gefühl mir würde der Boden unter den Füßen weggerissen und ein endloser schwarzer Abgrund täte sich auf. „Wieso denn?“ flüsterte ich tonlos.

Und ich höre wie dein Reden
Sich langsam zu Sätzen ballt
Die mich treffen wie ein Blitz
Mit vernichtender Gewalt


Ungläubig beobachtete ich sie dabei, wie sie die Kerze auf dem Tisch ausblies. Heller Rauch breitete sich im Raum aus, und wenn er davon zog, würde er mit sich nehmen, was bis vor ein paar Minuten noch so wundervoll, endlos und unzerstörbar für mich war. Sollte jetzt auf einmal all das zu Ende sein? Einfach so. Der Ausdruck ihrer Augen ließ keinen Zweifel daran, dass sie jedes Wort bitterernst meinte. Ich starrte sie entsetzt an, wie eine Kreatur geboren aus meinen Alpträumen.
Eine kleine Falte erschien in ihrer Stirn, ich kannte sie gut, so wie alles an ihr. „Ich habe jemanden kennen gelernt“, gestand sie. „Und durch ihn ist mir klar geworden, dass ich mein Leben so nicht weiter verbringen will. Das Versteckspiel ist mir schon lange zuwider, das muss aufhören.“
„Mir doch auch! Ich wünsche mir nichts mehr, als endlich zeigen zu können, wie viel du mir bedeutest“, stieß ich atemlos hervor.
Sie schüttelte leicht den Kopf. „Dafür ist es jetzt zu spät… ich habe mich in ihn verliebt, und er ist es, mit dem ich zusammen sein möchte.“

Diese Kälte macht mich rasend
Und das Gefühl ist angsteinjagend
Doch deine Sätze tönen weiter
Und meine Augen schauen fragend


„Also… liebst du mich nicht mehr?“ fragte ich sie verzweifelt. „Hast du mich überhaupt je geliebt?“ Ich machte Anstalten ihre Hand in meine zu nehmen, doch sie wich dieser Geste aus.
„Doch, das habe ich. Aber nicht genug, du verdienst mehr als ich dir geben kann. Es ist besser so, glaub es mir.“ Sie fing meinen Blick ein.
Feuchtigkeit sammelte sich in meinen Augen. „Woher willst du das denn wissen?? Du irrst dich… alles was ich will bist du, ich brauch dich… ich liebe dich doch…“

Warum sagtest du nicht früher
Dass du dich von mir entfernt hast
Warum sprachst du je von Liebe
Wenn du mich doch nie geliebt hast


Vor ein paar Tagen, letzte Woche, war sie noch neben mir gelegen und ich hatte sie fest in den Armen gehalten. Es war unvorstellbar, dass es etwas gab, das uns trennen konnte. Fast glaubte ich den Duft ihres weichen Haars zu riechen. Verzweifelt suchte ich in ihrem Gesicht nach einer Regung. Wollte sie wirklich aufgeben, was zwischen uns bestand? Klammerte ich mich am Ende an eine Illusion?
Ich trat ein paar Schritte auf sie zu, bis ich mich direkt vor ihr befand, und drückte meine Lippen auf ihre. Zunächst ließ sie es zu, doch sie erwiderte den Kuss nicht. Dann drehte sie den Kopf zur Seite, wandte sich von mir ab. Fast glaubte ich mein Herz springen zu hören. Es war also tatsächlich vorbei.

Ich verlier es in Verzweiflung
Fühle meine Tränen brennen
Und ich wünsche mir nichts lieber
Als den Kopf in deinen Händen


Unaufhörlich rannen Tränen meine Wangen hinab, während sie ihre Sachen zusammen suchte. Ich wollte sie nicht einfach durch diese Tür und aus meinem Leben gehen lassen, dafür liebte ich sie zu sehr. Aber was konnte ich schon dagegen tun? Mir fiel nichts ein, als mich in den Flur zu stellen, sodass ich ihr den Weg versperrte.
„Bitte… mach es nicht noch schwerer“, murmelte sie. „Ich möchte dich als Freundin nicht verlieren, dafür bist du mir zu wichtig, aber fürs Erste sollten wir Abstand voneinander halten.“ Ihre jadegrünen Augen offenbarten jetzt zum ersten Mal einen stummen Schmerz zwischen all der Kälte. Sie schob mich behutsam, aber nachdrücklich genug zur Seite, und marschierte an mir vorbei.

Doch was bis vor einer Stunde
Noch so heil und sicher schien
Ist nur eine große Lüge
Und ein Kartenhaus im Wind


Erst als ich hinter mir die Tür ins Schloss fallen hörte, wandte ich mich um. Ich war allein. Wieder einmal. Sie hatte mich tatsächlich verlassen. Sie, in der ich geglaubt hatte, mein Gegenstück, meine Seelenpartnerin gefunden zu haben. Jetzt war sie fort.
Zufällig fiel mein Blick erneut in den Spiegel an der Wand. Die Frau, die mir daraus mit leeren Augen entgegen starrte, hatte nichts mehr mit jener gemeinsam, die sich noch vor Kurzem so darauf gefreut hatte, ihre Liebe wieder in die Arme zu schließen. Und doch waren es meine dunklen Locken, die dieses fremde Gesicht umgaben. Mein Make-up war durch die Tränen völlig verlaufen, ich hatte mehr mit einer wandelnden Leiche gemein, als mit einem lebenden Menschen.

Es ist mir als ob ein andrer
Sich in deinen Körper schlich
Und ich hab nicht mal bemerkt
Dass er da reingeschlichen ist


Erkalteter widerlicher Rauch stieg mir in die Nase. Aufgebracht stieß ich die längst ausgelöschte Kerze um, dass sie über den Tisch kugelte, herunter fiel und zerbrach. Wie mein Herz. Ich rannte in mein Schlafzimmer, sank neben dem Bett auf dem Boden, den Kopf in die weiche Decke gepresst. Ich liebte sie immer noch so sehr, trotz der Worte, die sie an mich gerichtet hatte. Es war mir schlicht unmöglich zu glauben, dass ihre Gefühle für mich auf einmal verloschen waren, wie diese Kerze. Meine für sie waren es nicht, würden es vielleicht nie ganz.
Als ich aufsah, bemerkte ich halb unter dem Bett verborgen ein Stück Stoff, und zog es hervor. Es war ihr Schlaf-Shirt, sie musste es übersehen haben. Verzweifelt presse ich es an mich, sog den Duft ihrer Mandelcreme ein, und stellte mir vor, meine Hände glitten wieder zärtlich über ihre weiche Haut.

Um deine Liebe fortzuwischen
Und meine Welt mir zu zerstören
Will denn niemand mir versichern
Ich hätt alles nur geträumt
« Letzte Änderung: Oktober 12, 2014, 03:39:34 Nachmittag von Nerys »

Nerys

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Antw:Misc Shorties von Nerys
« Antwort #5 am: Dezember 09, 2014, 08:37:55 Nachmittag »
Und noch eine meiner Short-Stories, die ich gerne mit euch teile. Sie ist aus meiner Elisabeth-närrischen Phase.

Magyarország

Vertraut waren die Geräusche der Pferde, die ich den Stimmen der Menschen vorzog. Den Stallburschen hatte ich bereits am Tor zurückgewiesen. Der Junge konnte nicht verstehen, weshalb ich selbst den schweren Sattel zu der Box schleppte, in der ein hochbeiniger Fuchs stand. Das gehörte sich schließlich nicht für eine Kaiserin. Doch wenn ich auf dem Rücken eines Pferdes über die ungarische Erde galoppierte, war ich nicht länger die Kaiserin. Avolo tänzelte nervös, als ich ihn ins Freie führte. Er war jung und stark, drängte nach Bewegung. Ich ließ ihn in einen flotten Trab fallen, bis wir den weitläufigen Park Gödöllös durchquert hatten. Die Wächter an der Pforte mussten mich passieren lassen, obwohl sie es freilich nur ungern taten. Der Fuchs sprang vorwärts, als ich ihn zum Galopp trieb und ihm die Zügel freigab. Es war ein herrliches Gefühl den Wind im Haar zu spüren. Ich lachte übermütig. Jetzt war ich wirklich frei.
Schließlich parierte ich Avolo durch, um eine Weile gemächlich im Trab den Wegen über Wiesen und Felder zu folgen. Ich wusste nicht wie lange ich schon unterwegs war, aber noch würde ich nicht umkehren. Vor mir in den endlosen Ebenen entdeckte ich eine Herde grasender Steppenrinder. Eine Gestalt hockte dort bei den hellgrauen Tieren. Ich näherte mich im Schritt, ehe ich absaß, um mein Pferd das letzte Stück zu führen. Der schwarze struppige Hund, der bei der Hirtin gelegen war, sprang wachsam auf, bellte jedoch nicht. Ich gab Avolo frei, um ihn grasen zu lassen.
„Zsóka!“ rief die junge Frau, als sie mich erblickte.
Ich lächelte sie an. „Es freut mich ebenso dich zu sehen.“
Ihre Hände umfassten meine, sie zog mich zu der groben Decke, auf der sie zuvor gesessen war, und wir ließen uns darauf nieder. Der Blick ihrer beinahe nachtdunklen Augen hielt mich bereits in seinem Bann.
„Du hast mir gefehlt“, sagte sie leise, während ihre Finger behutsam über meinen Arm strichen. Schon diese Berührung verursachte wohlige Schauer auf meiner bloßen Haut. Hajna besaß die Hände eines Menschen, der tagtäglich harte Arbeit verrichtete. Anstatt ihr zu antworten, gab ich meinem eigenen Sehnen nach und küsste sie. Ihre Lippen schmeckten so gut, aromatisch wie wilde Kräuter. Sie erwiderte den Kuss mit einer Leidenschaft, die mich beinahe überwältigte. Widerstandslos ließ ich mich rücklings unter ihr auf die Decke sinken.

Unsere erste Begegnung war kaum mehr als ein Zufall gewesen, oder vielleicht auch Schicksal. Ein Feldhase sprang jäh meinem Pferd vor die Hufe. Avolo scheute vor Schreck, stieg in die Höhe und ich vermochte mich nicht mehr im Sattel zu halten. Hart schlug ich auf dem sandigen Weg auf. Ich benötigte einige Momente, bis sich die dunklen Schatten der Benommenheit vor meinen Augen wieder lichteten. Dann sah ich sie.
„Sind Sie verletzt?“ fragte die junge Frau besorgt, die sich neben mich auf die Knie sinken gelassen hatte. „Können Sie aufstehen?“
„Mir fehlt nichts“, entgegnete ich und richtete mich mit einem Ruck auf. Dies erwies sich als Fehler, da mich sogleich Schwindel erfasste.
Die Ungarin zog die Stirn kraus, erwiderte jedoch nichts, sondern stützte mich beim zweiten Versuch wieder auf die Beine zu gelangen. „Sie sollten sich einen Moment ausruhen, ehe Sie wieder aufs Pferd steigen.“
Dankbar ließ ich mich auf die Decke sinken, die ihr als Rastplatz in Sichtweite einer kleinen Rinderherde diente. Sie bestand darauf, dass ich ein paar Schlucke aus der Feldflasche trank, welche sie mir reichte, Das kalte Wasser erwies sich tatsächlich als wohltuend. Erst jetzt fand ich Gelegenheit die Hirtin genauer zu betrachten. Sie war sehr jung, fast noch ein Mädchen. Einfache Kleider in der Tracht ihres Landes ließen die weiblichen Rundungen ihres ausgesprochen schlanken Körpers erahnen. Das lange pechschwarze Haar trug sie zu einem festen Knoten aufgesteckt, aus dem sich einige Strähnen befreit hatten. Am faszinierendsten jedoch waren ihre dunklen Augen, die mich neugierig musterten.
„Sind Sie öfter ganz allein unterwegs?“ fragte sie mich schließlich.
Ich benötigte einen Augenblick, um zu begreifen, dass sie mich angesprochen hatte. „Ja, wann immer ich es einrichten kann. Es entspannt mich. Wenn es nur das Pferd und mich gibt, vergesse ich alles andere.“ Fast unwillkürlich sah ich mich nach dem Fuchs um, der in der Nähe der grauen Rinder Gras rupfte. „Mein Name ist Erzsébet. Verrätst du mir, wie ich dich ansprechen darf?“
Die junge Frau errötete ein wenig, weil es ihr offenbar unangenehm war, sich noch nicht vorgestellt zu haben. „Ich bin Hajna.“

Eine Hand, die sich vor meinen Augen auf und ab bewegte, veranlasste mich zu einem irritierten Blinzeln. Hajna grinste mich an. Offenbar zufrieden damit, meine Aufmerksamkeit wieder erlangt zu haben, barg sie den Kopf auf meiner Brust. Für eine Weile genossen wir es so beieinander zu liegen, das würzige Gras zu riechen und die Wiesenvögel zu hören. Bis der Ungarin in ihrer lebhaften Art etwas in den Sinn kam, was sie dazu veranlasste sich ein wenig aufzurichten, um mich anzublicken.
„Habe ich dir eigentlich erzählt, dass mein Bruder die Königin Erzsébet einmal gesehen hat, als er vor einiger Zeit in Buda war? Er meint sie wäre wirklich so schön, wie gesagt wird. Kühl wie aus Eis, erhaben und stolz.“ Während sie sprach, begannen ihre Finger spielerisch über meinen Bauch zu wandern, welcher nur von dem Stoff des Reitkleides bedeckt war. „Wie schön sie auch sein mag, kann sie doch nicht meine Zsóka übertreffen.“
Ein leichtes Lächeln fand den Weg auf mein Gesicht und ich drückte ihr einen Kuss auf die Nasenspitze. Ich hatte mich in ihre erfrischende Ehrlichkeit und Unbedarftheit verliebt, ehe ich überhaupt wusste wie mir geschah. Bei ihr bestand keine Notwendigkeit die Maske aufrecht zu erhalten. Ein Blick von ihr ließ die Mauer brechen, hinter der ich mein Selbst Tag für Tag einschloss. Sie liebte wer ich war, nicht was ich war. Und doch fühlte ich mich schäbig, weil ich sie belügen musste. Die Wahrheit stand zwischen uns. Es war nur eine Frage der Zeit bis die Kaiserin an den Wiener Hof zurückzukehren hatte. Von Ungarn konnte mich nichts wirklich trennen, mein Herz lebte in diesem Land. Hajna zu verlassen, das wollte ich mir im Moment gar nicht ausmalen.
„Ich liebe dich“, raunte ich ihr leise ins Ohr. Ehe sie zu reagieren vermochte, war ich über ihr und küsste sie verlangend. Erneut erstaunte es mich, was ihre Berührungen in mir auslösten. In Augenblicken wie diesem wollte ich alles geben, um wirklich ihre Zsóka zu sein. Die Kaiserin durfte nicht lieben.


Magyarország heißt Ungarn in der Landessprache. Zsóka ist eine Koseform von Erzsébet und Hajna bedeutet "Morgendämmerung" (Quelle: behindthename.com)